Digital Detox: Raus aus der Online-Welt!

Von Jan Lohmann

Facebook auschecken. Noch ein paar Mails schreiben. Und in der WhatsApp-Gruppe diskutieren. Die digitale Welt ist allgegenwärtig. Bis zu neun Stunden benutzen wir sämtliche Medien am Tag. Ein gigantischer Zeitraum. Nicht selten fühlen sich Nutzer dadurch unter Druck gesetzt. Stress ist ein Phänomen unserer modernen Gesellschaft. Laut der “ZEIT” hat das Meinungsinstitut “Forsa” festgestellt: das größte Anliegen von 62% der deutschen Gesamtbevölkerung ist ein stressfreies Leben. Aber warum fühlen sich so viele Menschen eigentlich gestresst? Stress wurde nicht nur zu einem ständigen Begleiter des Alltags. Stress zeigt bei vielen Menschen mittlerweile auch schwerwiegendere Symptome. Das Herz rast. Angst treibt den Menschen Schweiß auf die Stirn. Und Depressionen erobern den Alltag.

Als Grund für all diese Entwicklung wird häufig eines genannt: digitale Medienangebote. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihr Smartphone, die sozialen Netzwerke, die ständige Erreichbarkeit ihr Leben bestimmen und sie mehr und mehr die Kontrolle aus der Hand geben. Die Sehnsucht nach der guten alten, ja analogen Zeit wächst. Genau aus diesen Wünschen und Problemen ist eine Bewegung entstanden: Digital Detox. Die “digitale Entgiftung” hat sich zum Ziel gesetzt, wieder bewusster und ausgeglichener durchs Leben zu gehen: Reden statt Chatten, Bücher statt E-Books, Briefe statt Mails.

Was zuvor ein Phänomen von Geschäftsleuten war, die 24/7 am Handy hängen und über zehn verschiedene Zeitzonen hinweg arbeiten müssen, ist nun auch bei Menschen angekommen, die sich von der Informationsflut, der wachsenden Geschwindigkeit des Alltags überrumpelt fühlen. Ständig online zu sein, ist für viele eine Verpflichtung – kein freiwilliger Akt. Die “FOMO” [Fear of Missing out] dominiert. Man möchte mitreden können. Dies ist aber nicht nur eine Erscheinung bei Erwachsenen. Das Bundesamt für Strahlenschutz meldet, dass sogar 40% der Grundschulkinder ihr Handy oder Smartphone immer griffbereit neben ihrem Bett liegen haben. Eine Gefahr für die Psyche?

Natürlich kann man aus dem Wunsch der digitalen Entschlackung auch eine Geschäftsidee machen: Digital Detox Camps, eine Art Ferienlager für Erwachsene. Hier heißt es “Back to the Roots”. Vorreiter ist das “Grounded Camp” in den USA. Mitarbeiter von Googel, Facebook oder Microsoft verbringen hier ihr Wochenende, um gestärkt und mit neuer Produktivität aufgetankt zurück in den Job gehen können.

Vor Antritt des Besuchs müssen Teilnehmer sich aller elektronischen Geräte entledigen. Auch können sie sich einen Phantasienamen zulegen. Informationen wie das Alter oder der Beruf sind für viele im Camp tabu. Durch das Benutzen von Schreibmaschinen, gesundem Essen, Yoga-Kursen, sowie Teambildungsmaßnahmen sollen die gestressten Onliner zu ihrem “analogen Ich” zurückkehren. Ziel ist es, das Leben etwas zu entschleunigen und eine richtige Ausbalancierung zwischen der “realen” und der “digitalen” Welt zu finden. Auch in Deutschland gibt es nun erste Anbieter. Ein Wochenende mit Yoga-Kurs und Powerfood ist für 300€ aufwärts zu bekommen. Kein geringer Preis für ein Wochenend-Camp.

Vielleicht sind aber auch nicht die digitalen Medien die Verursacher von Stress, den sie erzeugen. Sondern die Tatsache wie wir mit ihnen umgehen. Nur weil wir den ganzen Tag erreichbar sein können, heißt das nicht, dass wir es auch sein müssen. Das Erlernen von Medienkompetenzen bestimmt wie wir interagieren. Es ist eine Frage der Zeit, bis wir gelernt haben mit dem Informations-Wasserhahn Internet umzugehen – ohne daran zugrunde zu gehen. Und vielleicht gibt es auch gar nicht mehr die analoge und die digitale Welt, sondern nur eine Welt.

 

Habt ihr selber schon einmal eine Art digitales Burn-Out erlebt ? Oder nehmt ihr bewusst zeitweise Abstand ?

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22 Kommentare

  1. Ich komm immernoch nicht drauf klar, wie normal es geworden ist, dass selbst Grundschulkinder bereits ihr eigenes Smartphone haben…
    Und ja, ich nehme Abstand 😉

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    1. Das ist wirklich verrückt. Es klingt etwas nostalgisch, aber wir können uns das eigentlich kaum vorstellen. Gerade die Frage der Medienkompetenz ist da ganz groß. Würdest du denn auch ein solches Camp besuchen? Beste Grüße!

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      1. Wenn ich es mir eines Tages leisten kann bestimmt, weiß aber nicht wann das sein wird^^

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      2. Das ist so ein Problem, leider sind diese Camps nicht ganz billig. Und es ist auch fraglich, wie viel man sich davon schlussendlich versprechen kann.

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      3. Letztendlich würde ich das vermutlich nur machen, wenn jemand mitkommt mit dem man es genießen kann 🙂

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      4. Ja, absolut! Es macht mit Sicherheit Sinn, das Ganze mal gemeinsam anzugehen. Vielleicht ja sogar mit den Freunden aus der WhatsApp-Gruppe.. 😉

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      5. Ich fürchte, die sind nicht bereit das Smartphone aus der Hand zu geben 😉

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      6. Das denke ich auch! Aber es würde ihnen vielleicht mal gut tun. 😉

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  2. Aber ist es nicht einfach eine Entscheidung? Man sollte doch meinen, dass wir in der Lage sind unseren Online-Konsum zu kontrollieren. Wenn dauerhafte Erreichbarkeit Stress bedeutet, dann sollte doch der vernünftige Mensch auf die Idee kommen, das Dingen auszumachen.
    Die Idee mit Anderleuts Seelenheil Geld zu machen ist nicht neu, das Christentum hat es Jahrhunderte lang praktiziert. Es gibt Klöster, die bieten Entschleunigungswochenenden an. Frage, wozu? Anstatt den Alltag besser zu gestalten, sollen solche Wellness-Angebote Energie geben, um den Alltag, der einen krank macht, auszuhalten.
    Wandel beginnt in der Handlung des einzelnen.

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    1. Genau das ist die Frage: können wir wirklich einfach alles ausschalten? oder ist der gesellschaftliche Druck eventuell zu hoch ? Das mit dem Kontrollieren des Konsums betrifft ja auch die Medienkompetenz, die am Ende des Textes angesprochen wird. Ich glaube, dass viele Menschen dieses „kontrollieren“ erst erlernen müssen, sowie den generellen Umgang mit neuen digitalen Medien, damit der „Wandel“ durch die Handlungen der Einzelnen überhaupt erst beginnen kann. Was denkst du denn zu dem These, dass eventuell Kinder die heute mit all diesen Medien aufwachsen später mit dem digitalen Stress besser umgehen können ?

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  3. Hm, das ist eine schwierige Frage, denn der Angriff auf die Realität durch die digitale Welt ist enorm. Cybermobbing ist an der Tagesordnung und entgegen dem „normalen“ Mobbing, was man irgendwann hinter sich lässt, bleibt Cybermobbing auch über das Ende der Schulzeit (als Beispiel) bestehen.
    Ich glaube, dass auch unsere Kinder diesen Stress haben werden, aber sie werden einen Nachteil haben, denn sie wissen nicht, wie es ist nur offline zu sein. Wir haben immer noch den Vergleich vorher/nachher. Sie werden es nicht anders kennen und werden vielleicht kein Gespür dafür haben, woher ihr Stress kommt.

    Aber vielleicht stimmt es ja und jede Generation ist besser als ihre vorige und dadurch, dass das alles nichts Neues mehr ist für die kommenden Generation nimmt auch die Faszination ab. Eine Zunahme der Onlinepräsenz in unserer Gesellschaft wäre für mich ein weiterer Rückschritt, obwohl ich das Medium schon sehr lange nutze, mehr als die Hälfte meines Lebens. Aber ich sehe die Veränderung, die sie im menschlichen Miteinander nach sich zieht. Ohne den realen Kontakt stumpfen Menschen enorm ab und ihre Fähigkeit den Anderen sozial wahrzunehmen schwindet. Aber wenn die Faszination des Neuen abnimmt, dann ist vielleicht die wirkliche Realität auch wieder spannender, als die Onlinepräsenz und unsere Kinder hätten dann nicht so einen Stress.

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    1. Hey! Besonders den letzten Punkt finde ich schwierig zu beantworten. Stumpft unsere persönliche Kommunikation durch soziale Netzwerke ab? Wird durch die allgegenwärtige Kommunikation eine Beziehung standhafter oder sogar distanzierter?
      Dieser Aspekt wird mit Sicherheit auch die verschiedenen Generationen voneinander drastisch unterscheiden. Die Digitalisierung wird nicht nur die Medienwelt, sondern vor allem die Gesellschaft und dessen Werte verändern. Man spricht ja sogar vom „Digital Divide“.

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      1. Wenn ich heute mit Freunden zusammentreffe, dann besitzen diese alle ein Smartphone. Mindestens einmal im Gespräch schauen sie drauf, teils weil es ihre Uhr ist, teils ob sie nicht was im Digitalen verpassen.
        Das andere Phänomen, was mir aufgefallen ist, dass sehr viele ausgehungert sind, was Aufmerksamkeit betrifft. Scheinbar hört in ihrem Umfeld niemand mehr zu, oder interessiert sich für den Anderen. Die Frage „Wie geht es?“ verkommt zum Opener um selbst erzählen zu können.
        Die Kommunikation über soziale Netzwerke ist exhibitionistisch. Man informiert alle, ohne Unterschied und die Antwort darauf ist meist ein Like, was mehr über den Liker aussagt, als es dem Gelinkten etwas gibt. Davon mal ab sind Likes auch gerne Austauschware, likst du mich, like ich dich. Denn welche Information stellt man ins Netz? Bestimmt nicht, dass man sich schlecht fühlt, einsam, gestresst und vernachlässigt. Man bildet sich ein digitales Ich, welches eher dem Wunsch als der Realität entspricht. (Ich kenne das selbst, von Anfang 20 auf MySpace)

        Was für eine Form der Kommunikation ist das? Ich merke immer wieder, wie wenig wirklich kommuniziert wird, wenn ich einen Gesprächspartner habe, der sich wirklich interessiert. Das wird für mich, die fast immer die gute Zuhörerin ist, unangenehm, da ich preis geben muss, kann, darf, was mich bewegt. Und ein guter Gesprächspartner stellt die richtigen Fragen, hakt an entscheidenden Punkten nach. Dialog, statt Monolog.

        Ein Gedanke zur stockenden Kommunikation: Wir alle sind gestresst, durch die Medien, durch das Bild, was wir egozentrisch von uns aufbauen, welches oberflächlich ist. Haben wir da überhaupt noch den Platz für den Anderen im Gespräch, oder ist er auch nur unsere Projektion, weil wir selbst nicht mehr wissen, was und wer wir eigentlich sind?

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  4. Dass die Aufmerksamkeitspanne bei vielen kleiner geworden ist, da muss ich dir recht geben, hängt zu Teilen mit der Informationflut zusammen mit der wir Tag ein Tag aus konfrontiert werden. Die im Text erwähnte „Fear of missing out“ (FOMO) hat aber denke ich noch andere Ursprünge. Hier wird denke ich auch das menschliche Bedürfniss bedient, immer das beste haben zu wollen bzw. nicht nachher bereuen zu müssen etwas nicht getan,gesehen oder gelesen zu haben. Geräte wie das Smartphone können dieses Phänomen natürlich noch verstärken.
    Den anderen Punkt die du ansprichst „ein digitales Ich“ erschaffen zu wollen, trifft meiner Ansicht auch vollkommen zu. Jedoch wie auch die FOMO , ist das Bedürfniss vieler Menschen, sich nach Außen so gut es geht dar zu stellen nichts Neues. Social Networks beflügeln das aber natürlich und machen es leichter als je zuvor, da unter anderem auch mehr Menschen erreicht werden können die einen privat nicht kennen. Viele Menschen müssen denke ich hier auch auf kurz oder lang an den Gedanken gewöhnen, dass es kein digitales und analoges Ich mehr gibt. Arbeitgeber schauen sich im Netz nach den Leuten um und wenn beim Vorstellungsgespräch plötzlich ein ganz anderer Mench vor einem sitzt, wirkt das unauthentisch. Ich finde es sollte gelernt werden sich auch im Netz so zu präsentieren wie man wirklich ist, vielleicht könnte man so auch anderen den Druck nehmen sich nur von der Schokoladenseite zeigen zu wollen. Es besteht halt die Gefahr, dass man ein Zerrbild der Gesellschaft wahrnimmt und dieses aber auch selber mitproduziert

    Ich hege die Hoffnung, dass wenn wir lernen die Schnelligkeit der Medien mal ruhen zu lassen und uns nicht angestrengt darauf versteifen jemand anderes im Digitalen zu sein, wir auch weniger Stress sowohl digital als auch analog haben könnten. Oder bist du der Meinung, dass wir eventuell den Zenit schon überschritten haben und uns diese Entscheidung bereits abgenommen wurde ?

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  5. Derya Heinatz · · Antwort

    Ich denke es ist besonders wichtig, dass wir in der heutigen Generation lernen, sich die Zeit für bestimmte Aufgaben die man erledigen muss besser einzuteilen. Das bedeutet, dass man sich Prioritäten setzt, also welche Aufgabe zuerst erledigt werden müssen. Es ist falsch zu glauben, man könne alles gleichzeitig erledigen. Whatsapp Nachrichten beantworten, E- Mails schreiben, Facebook. Für jeden Erreichbar zu sein, das führt tatsächlich zu stress und zu Unzufriedenheit.

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    1. Hey! Ein besonderes Phänomen der Digitalisierung ist ja gerade das Multitasking. Es ist einerseits eine große Errungenschaft, aber – genau, wie du sagst – auch eine Bedrohung. Ständig in Standby-Bereitschaft zu stehen, kann sogar gefährlich werden und ernsthaft krank machen.
      Beste Grüße!

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  6. Hallo DigitalAnker, ich sehe die Problemstellung genauso wie ihr. In er heutigen Zeit ist es tatsächlich unglaublich schwer, für eine längere Zeit offline zu sein, ohne das Gefühl zu haben, etwas Wichtiges zu verpassen. Was dann ja meist, wenn man das Handy dann doch mal für einige Stunden beiseite legt oder auf Flugmodus stellt, gar nicht der Fall ist. Trotzdem möchte man irgendwie immer kommunizieren und mit anderen Menschen Kontakt halten. Ein soziales Phänomen, das ja an sich auch nicht schlecht ist. Nut wenn es eben zur Sucht wird, und das passiert glaube ich sehr schnell, muss man wieder einen Gang zurück schalten. Solche Camps halte ich persönlich für nützlich- aber stark überteuert. Man kann theoretisch auch ganz einfach von zu Hause aus einen digitalen Detox machen: Atemübungen, Abschalten, Zeit für Freunde einplanen (im Real-Life!), Musik hören, gesund kochen und einfach für mehrere Stunden am Stück oder sogar einen ganzen Tag/ ein ganzes Wochenende nicht erreichbar sein.

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  7. in deR heutigen Zeit soll es natürlich heißen 😛

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    1. Hey! Ich finde deine Vorschläge für ein ganz eigenes „Digital Detox“-Camp zuhause wirklich gut. Es geht ja gerade darum, wieder zu sich selbst zu finden. Deshalb sind die Camps, dem Anschein nach, auch sehr spirituell angehaucht.
      Gerade die Selbstfindung spielt eine riesige Rolle in diesem Zusammenhang. In sozialen Netzwerken besteht der ständige Druck etwas Schönes von sich preis zugeben. Ich habe noch keinen gesehen, der auch mal in einer Depri-Phase postet: „Bin gerade nur noch am heulen“…
      Dabei wäre das ja oft die wahre Persönlichkeit – eben mit Auf- und Abstiegen.

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      1. Sehe ich genauso!

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  8. […] Detox, also Digitale Entgiftung. Wir haben dazu vor einigen Wochen einen Artikel geschrieben, hier könnt ihr ihn noch einmal […]

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  9. […] muss weg. Raus aus dieser Online-Welt. In den vergangenen Monaten haben wir über sogenannte Digital-Detox Camps geschrieben. Da bezahlen Mensche viel Geld um in die freie Natur zu gehen und ihre digitalen […]

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